Der Mann, der als erster Deutscher die sieben gefährlichsten Schwimmstrecken der Welt durchschwamm.
- Carina Neumann
- 23. Juli 2023
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Juli 2024
Eigentlich führt André Wiersig ein ganz normales Leben: Er wohnt mit seiner Familie in Paderborn und ist Vertriebsleiter in einem Software-Unternehmen. Aber nebenbei durchschwimmt André den 12 Grad kalten Nordkanal, begegnet Haien und Giftquallen zwischen Hawaii-Inseln oder dem gefährlichen Schiffsverkehr auf dem Ärmelkanal. André ist Kanalschwimmer und meisterte 2019 als erster Deutscher die „Ocean´s 7“: die sieben schwierigsten Schwimmstrecken der Welt. Vor seinem Sieg über Wind und Wellen besuchte er die IbizaHEUTE-Redaktion. Auf der Insel trainiert er für seine Odysseen – und hier begann seine unglaubliche Geschichte.

Es ist recht kalt auf Ibiza – und André kommt gerade von seinem Schwimmtraining bei Aguas Blancas. Er trägt Schlappen, Shorts und Salz in den Haaren. So sieht also ein Kanalschwimmer aus. „Ich habe mir gerade 12 Kilogramm für den Nordkanal angefuttert“, lacht André händeschüttelnd. „Und hier auf Ibiza trainiere ich nun für die Durchquerung des Santa Catalina Kanals vor Kalifornien.“ Aber wie wird man eigentlich Kanalschwimmer?
Ausgerechnet eine einfache Anlegeboje erweckte den Wunsch in André, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Es war ein kalter Januar-Tag im Jahr 2012, als er in der Cala Llenya etwa 150 Meter vom Ufer entfernt die Boje sah, um die er noch im vergangenen Sommer herumgeschwommen war. Als langjähriger Ibiza-Freund kommt der 44-Jährige immer wieder hierher zurück: „Da hab´ ich mich gefragt ob ich es schaffe, im 12 Grad kalten Wasser hin- und wieder zurückzuschwimmen. Doch schon auf den ersten Metern blieb mir die Luft weg! Das hat mich so gewurmt, dass ich dachte: Ist ja lächerlich. Das schaffst du!“ Also fing er an, kalt zu duschen – jeden Tag. Und jeden Monat steigerte er die Zeit unter eiskaltem Wasser. Aber das war ihm noch nicht hart genug. Er fuhr zum Baumarkt, kaufte sich eine große Wassertonne und stellte sie in seinen Carport. Er nennt sie liebevoll seine „Eistonne“ und verbringt dort jeden Tag – auch im Winter – 12 Minuten in klirrend kaltem Wasser, das teils kurz vor dem Gefrierpunkt ist. Ein Warmduscher ist André nicht.

André beim täglichen Bad in seiner Eistonne.
Im Januar 2013 stand er wieder am Ufer der Cala Llenya. Die Boje war noch da. So, als hätte sie auf ihn gewartet. Dieses Mal schaffte André es, sie trotz eiskaltem Wasser zu umschwimmen. Und dann wurde er mutig – bis größenwahnsinnig: „Ich dachte, wenn ich es bis zur Boje und zurück schaffe, dann kann ich auch den Ärmelkanal durchschwimmen“, schmunzelt er.
9,5 Stunden durch den Ärmelkanal
Gesagt, getan – 2014 schwamm André von England nach Frankreich, ganz nach den Regeln seines großen Vorbilds Captain Matthew Webb – dem Mann, der 1875 als erster Mensch den Ärmelkanal durchschwamm. „Das wollte ich als Kind schon machen – mein Englischlehrer las uns damals die Geschichte des Captain Webb vor“, so André. Doch solch einen Heldentitel muss man sich verdienen: Webb schwamm damals lediglich mit Badehose, Schwimmhaube und Schwimmbrille von Dover nach Calais. 34 Kilometer bei 15 Grad kaltem Wasser und lediglich einem kleinen Beiboot als Begleitung. Das Gleiche wartete auf André – also 15 Grad kaltes Wasser, nur in Badehose, nur mit einem kleinen Begleitboot. Und er schaffte es – mit der Zeit von 9,5 Stunden sogar deutlich schneller als sein Idol Webb, der dafür fast 22 Stunden brauchte. „Es kommt immer auf die Umstände an“, erklärt André. Wetter, Strömung und Wellengang kann man sich nicht aussuchen.

Schwager Jürgen versorgt den Kanalschwimmer per Netz mit Nahrung. Wenn der Kiefer im eiskalten Wasser so verkrampft ist, dass André Wiersig nicht mehr kauen kann, kann er sich nur noch von Flüssignahrung ernähren…
Übrigens ist dem Kanalschwimmen nicht jeder Extrem-Sportler gewachsen: Viele Schwimmer werden durch die hohen Wellen auf offenem Meer seekrank und müssen abbrechen. „Ich bin davon zum Glück verschont, genau wie mein treuer Begleiter und Schwager Jürgen Peters.“ Der steuert das Beiboot, ist mentaler Beistand und kümmert sich um die Koordination der Routen. Er ist auch der Mann, der André energiereiche Flüssignahrung zuwirft, wenn sein Kiefer wegen der frostigen Wassertemperaturen erstarrt. Aber dazu später mehr. Nur so viel vorweg: „Wenn alle anderen sich übergeben und vor Übelkeit fast verrecken, ist Jürgen immer noch mit dem Boot bei mir“, lacht André. Im Kaiwi Kanal vor Hawaii waren die Wellen bis zu fünf Meter hoch. Und das ist für den Schwimmer und den Mann im Beiboot gleichermaßen extrem hart. Mit Jürgen zusammen hält André auch Vorträge in Firmen und Universitäten. „Es ist übrigens wirklich schwer einen Fotografen zu finden, der seefest ist und nicht ständig über Bord kotzt“, sagt André. Er hat bisher keinen gefunden – doch das eigene Bildmaterial kann sich ja sehen lassen.
"Sexy seh ich nicht gerade aus - aufgequollen, aber glücklich"
Aber zurück zur Kanal-Überquerung. Als André – von England losgeschwommen – im französischen Calais ankam, war er erledigt, aufgequollen – aber glücklich. „Naja, also sexy seh´ ich nicht gerade aus, wenn ich an Land gehe“, schmunzelt er. „Ich bin komplett aufgedunsen und all meine Schleimhäute sind von dem Salzwasser zerstört. Ich kann eine Woche lang nur stilles Mineralwasser trinken.“ In Empfang nimmt ihn immer seine Familie. André ist verheiratet und Vater von zwei Kindern (6 und 14 Jahre): „Meine Familie ist mir das Wichtigste und sie unterstützt mich in dem was ich tue.“ Anders als bei einem Marathon steht keine Menschentraube im Ziel und applaudiert, wenn André das Ufer erreicht. Aber jedes Mal ist es sein Sieg über Kälte, das Meer, die Schmerzen – Sieg über sich selbst, über seine persönliche Herausforderung.
Aber ist das nicht auch ein bisschen verrückt? „Naja, wenn da um dich herum die Motoren der riesigen Frachtschiffe brummen und es in deiner Brust vibriert, da wird dir schon anders“, so der Schwimmer. Der Ärmelkanal ist eine der am stärksten befahrenen Schiffsrouten weltweit – bis zu 500 Schiffe passieren täglich den Kanal. Wenn man da in den Sog und die Schrauben der Ozeanriesen gerät, hat man keine Chance… doch das sieht André anders: „So verrückt finde ich das gar nicht. Es ist natürlich eine Herausforderung, die auch ein gewisses Wagnis beinhaltet, aber ich bereite mich ja auch entsprechend darauf vor. Vom Risiko her finde ich es im Grunde nicht viel gefährlicher als mit dem Auto von Santa Eulària zur Cala Sant Vicent zu fahren.“

„Mental gut aufgestellt sein, sonst flippst du aus“
Neben dem körperlichen Aspekt ist das Geheimnis des Durchhaltens vor allem eines: Kopfsache. Neben seinem regelmäßigen Schwimmtraining macht André viel Meditation und Yoga. Für die Kondition geht er Laufen und macht Krafttraining. Früher nahm er an vielen Triathlons teil, was auch knochenhart ist: „Das Wichtigste ist die richtige Einstellung. Wenn deine Hände und Füße gerade bei 12 Grad Wassertemperatur vor Kälte absterben, du Haien begegnest oder mitten in der Nacht ein Buckelwal unter dir herschwimmt, musst du kopfmäßig gut aufgestellt sein – sonst flippst du aus.“ Das kann man wohl so unterschreiben.
Nachdem André sein Ziel erreicht hatte, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, setzte er sich ein neues, weitaus krasseres: Er will die "Ocean´s 7" schwimmen. Sie bestehen aus den sieben schwierigsten Schwimmstrecken der Welt und wurden als Pendant der Bergsteiger-Challenge „Seven Summits“ (Sieben Gipfel) geschaffen, deren Ziel es ist, die jeweils höchsten Gipfel der sieben Kontinente zu erklimmen. Die „Ocean´s 7“ sind noch ein relativ neuer Wettkampf. Seit 2012 haben nur sechs Menschen weltweit diese Herausforderung gemeistert (Stand 2017). (Nachtrag: Bis zum Jahr 2023 schwammen 21 Menschen die Ocean's 7) Die Schwimmstrecken sind folgende: die Cookstraße zwischen der Nord- und Südinsel Neuseelands (27 Kilometer), der Nordkanal zwischen Irland und Schottland (34 Kilometer), die Straße von Gibraltar zwischen Marokko und Spanien (14 Kilometer), der Kaiwi Kanal zwischen den Hawaii-Inseln Moloka´i und O´ahu (44 Kilometer), die Tsugaru-Straße zwischen den japanischen Inseln Honshu und Hokkaido (20 Kilometer), der Ärmelkanal zwischen England und Frankreich (34 Kilometer) und der Santa Catalina Kanal zwischen Santa Catalina Island und Los Angeles (34 Kilometer).
44 Kilometer nur Meer, Wellen und Haie
Jede Strecke hat ihre eigenen Herausforderungen. Die Cookstraße ist das Zuhause gefährlicher Haie und der Würfelqualle – einem der giftigsten Meerestiere der Welt, Berührung kann den sicheren Tod bedeuten. Der Nordkanal hat eine eisige Wassertemperatur von nur 12 Grad im Sommer. In der Straße von Gibraltar gibt es starke Strömungen, die Schwimmer vom direkten Weg abbringen. Der Kaiwi-Kanal ist stürmisch und beherbergt Haie und giftige Quallen. In der Tsugaru-Straße leben die berüchtigten Humboldt-Kalmare, die sich laut André gelegentlich auch Menschen nähern. Im Ärmelkanal herrscht gefährlicher Schiffsverkehr. Und im Santa-Catalina-Kanal gibt es neben weißen Haien auch eine Algenart, deren Blätter über 50 Meter lang werden und sich teils wie Schlingpflanzen um den Körper legen.
Drei dieser Herausforderungen hat André bisher schon gemeistert: Nach dem Ärmelkanal durchschwamm er als erster Deutscher 2015 den Kaiwi-Kanal und 2016 den Nordkanal. „Die Schwimmer, die die ‚Ocean´s Seven‘ geschafft haben, sind sich einig: Diese beiden Strecken sind die schlimmsten“, sagt er. „Das kann ich bezeugen, das war wirklich krass.“ Der Kaiwi-Kanal zwischen der Hawaii-Inseln ist mit 44 Kilometern mit Abstand die längste Strecke. Die Wellen dort sind über fünf Meter hoch. Jürgen konnte mit dem motorisierten Beiboot nicht neben André herfahren, sondern fuhr einige Meter voraus. André musste das andere Ufer vor der Abenddämmerung erreichen – denn zu dieser Zeit sind die Haie auf Jagd und können aggressiv werden. „Selbst die Olympia-Legende Michael Phelps sieht aus der Wahrnehmung eines Hais dann aus wie jemand, der sich gerade im Todeskampf befindet. Und das gucken die Jäger sich natürlich an und machen auch mal einen Probebiss“, sagt André. Das erste Mal kann man so etwas wie leichte Besorgnis in seinem Gesicht lesen.
Quallen – "immer noch wenig Gefühl in den Fingerkuppen"
Selbst ein Adrenalin-Junkie wie André kann auf diese Art von Dinner-Party verzichten. Daher brach er schon nachts auf – 7,5 Stunden schwamm er in völliger Dunkelheit. Rückblickend eine gute Entscheidung, denn der Kaiwi-Kanal sollte einige Überraschungen für ihn bereithalten. Die erste folgte bereits 45 Minuten nach Start: „Plötzlich hatte ich grausame Schmerzen am ganzen Körper. Rote Striemen überzogen meine Haut und alles brannte. Schnell war klar: Ich wurde von der Portugiesischen Galeere erwischt“, erinnert sich André. Die Portugiesische Galeere gehört zu den giftigsten Quallen der Welt. Ihre bis zu 50 Meter langen, hauchdünnen Tentakel treiben durch die Strömung und sorgen bei Berührung für gefährliche Verbrennungen. „Gegen die Portugiesische Galeere sind die Feuerquallen, die hier um Ibiza herumschwimmen, nur ein kleiner Juckreiz. Das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht“, sagt André. „Ich dachte, ich muss abbrechen. Mir wurde bewusst: Du bist mutterseelenallein, mitten im Pazifik.“ Das einzig Gute am Gift der Portugiesischen Galeere ist: Nach etwa einer Stunde lässt der Schmerz stark nach. Nur leider hat André während dieser Stunde gleich noch mal eine erwischt. Im Laufe der Challenge kam er auch noch mit einer „Gelben Haarqualle“ in Berührung. Der Schirm der Qualle misst über einen Meter, ihre Tentakel bis zu 40 Meter. Ihr Gift ist äußerst schmerzhaft. „Nach dieser Odyssee waren meine Leberwerte drei Mal so hoch wie normal. Wäre ich nicht in einer Top-Verfassung gewesen – wer weiß, was passiert wäre. Ich habe immer noch wenig Gefühl in meinen Fingerkuppen“, sagt André.
„Unter mir ein riesiger Buckelwal…“
Und es sollte nicht die letzte tierische Begegnung sein. „Man kann sich nicht vorstellen, wie stockfinster es zwischen zwei Hawaii Inseln ist“, erinnert sich André. „Immerhin liegen sie mitten auf dem Ozean. Zu viel Licht durften wir auch nicht verwenden – sonst hätten wir womöglich ungebetene, neugierige hungrige Begleiter angelockt. Und draußen auf dem offenen Pazifik gibt es eigentlich keine kleinen Tiere. Alles, was man dort trifft, ist groß.“ Er sollte recht behalten. Denn unter ihm war irgendetwas – etwas sehr, sehr großes. Das spürte er einfach. „Ich schaute hinunter und sah eine graue Fläche, die sich zirka fünf Meter unter mir bewegte. Ich dachte erst an einen Felsen, doch dann wurde mir klar: Das ist ein Wal!“ Genauer gesagt ein Buckelwal. „Er schwamm eine Zeit lang unter mir her und verschwand dann in der Tiefe. Er versprühte eine unglaublich starke Energie. Das war schon irre.“

Der Tag war bereits angebrochen. André war gerade auf gutem Kurs – da bewegte sich plötzlich eine Rückenflosse in sein Blickfeld. Ein gut drei Meter großer Blauhai musterte ihn neugierig aus wenigen Metern Entfernung. Er kam immer näher. „Ich dachte nur: Junge, du hast mir jetzt gerade noch gefehlt“, sagt André. Er spulte die Worte des hawaiianischen Haischützers in seinem Kopf ab, der ihn zuvor mental auf diese Situation vorbereitet hatte: „Bleib ruhig. Schau ihm direkt in die Augen. Bändige deinen Herzschlag. Kehr ihm bloß nicht den Rücken zu und schwimm auf keinen Fall weg!“ Der Kaiwi-Kanal ist 300 bis 2000 Meter tief. Schwimmer sind etwas Ungewöhnliches, etwas Neues auf dem offenen Meer. „Potenzielle Beutetiere von Haien schwimmen normalerweise nicht einfach so draußen auf dem Ozean herum. Haie greifen dann auch nicht gleich an, weil man eben nicht ins typische Beuteschema passt“, sagt André. Die Räuber sind aber trotzdem neugierig und wollen wissen, mit wem oder was sie es hier zu tun haben. „Man kann ihnen nichts vorspielen – sie vernehmen die Frequenz des Herzschlags und jegliche Anzeichen von Nervosität“, so André. Mit den genannten Tipps demonstriert man dem Jäger, dass man keine Beute ist. „Raubtiere sind es gewöhnt, dass man panisch vor ihnen flieht. Und sie mögen es gar nicht, wenn man ihnen tief in die Augen blickt. Denn dann wissen sie: Das andere Geschöpf sieht mich und ich bin nicht in der gewohnten Position, mich anzuschleichen und überraschend anzugreifen“, erklärt André. Offenbar gehen Haie dann auch kein Risiko ein: Nachdem der Blauhai André minutenlang eng umkreist und gemustert hatte, drehte er ruckartig ab und verschwand. „Was für ein eleganter, schnittiger Bursche“, sagt André. „Und ich war heilfroh, als er wieder weg war.“ Der Haiforscher erklärte André auch: „Du kannst unmöglich da durchschwimmen, ohne dass die Haie das mitkriegen. Die wissen genau, dass du da bist. Vielleicht sind sie 20 Meter unter dir und beobachten dich. Das ist ihr Lieblingsspiel: Sie sehen dich, du sie aber nicht.“
5 Stunden Kampf gegen die Strömung
Es sollte nicht die letzte böse Überraschung sein: „Irgendwann schwamm ich nur noch auf der Stelle. Wir waren in eine starke Gegenströmung geraten und nichts ging mehr vorwärts“, erzählt André. 4 km/h schwimmt er durchschnittlich. André kämpfte an diesem Tag 5 Stunden lang gegen die Strömung an. Für die Durchquerung des Kaiwi-Kanals brauchte er unfassbare 18,5 Stunden. „Ich kroch an Land wie das letzte Häufchen Elend“, erinnert er sich. Doch die Hawaiianer, denen er von seiner Odyssee erzählte, feierten ihn wie einen Helden. Die Iren hatten da weitaus weniger Verständnis für die Durchquerung des Nordkanals: „Als ich in Nordirland war habe ich einigen Iren bei einem Bierchen erzählt, was mich dort hin verschlug. Die waren völlig entsetzt und hielten mich für irre – keiner von ihnen war je dort im Wasser. Die haben mich angeguckt wie jemanden vom anderen Stern. Ich war der 46. Mensch, der je dort im Sommer durchgeschwommen ist.“ Die Herausforderung des Nordkanals? „Am Nordkanal wurde die britische Mittelalter-Serie ‚Games of Thrones‘ gedreht, und genau so ist es dort auch: rau, kalt und düster. Es wurde kaum richtig Tag. Teilweise konnte ich Zehen und Finger nicht mehr bewegen, mein Kiefer war starr vor Kälte. Wir waren im Hochsommer da und es hatte maximal 20 Grad – ganz zu schweigen vom 12 Grad kalten Wasser.“ André konnte vor Kälte seinen Kiefer nicht mehr bewegen. Essen? Unmöglich! Zum Glück hatte er das einkalkuliert – sein Schwager und Begleiter Jürgen warf ihm statt der sonst üblichen festen Energie-Snacks flüssige Energienahrung zu, die er sich in den Rachen kippte. „Genüssliche Pausen gibt es bei den Challenges nicht – da geht es nur drum, möglichst schnell möglichst viele Kalorien in sich reinzustopfen“, lacht André. Für den Nordkanal fraß er sich 12 Kilo an: „Den Speck brauchte ich, um nicht zu erfrieren.“ Er brauchte 12 Stunden und 17 Minuten zur Durchquerung des Kanals. Wie gesagt: bei 12 Grad kaltem Wasser… Normale und nicht so hart durchtrainierte Menschen würden diese niedrigen Temperaturen im Meer keine einzige Stunde überleben.

Ibiza-Training zur Abhärtung
Nur sechs Wochen waren seit dieser Challenge vergangen, als André uns in der IbizaHEUTE-Redaktion besuchte. Er trainierte auf der Insel für seine nächste große Herausforderung: den Santa Catalina Kanal. Auf Ibiza probte er in den vergangenen Wintern auch für den Nord- und Ärmelkanal. Zu seinen liebsten Spots zählen Aguas Blancas, die Cala Llenya sowie Benirràs. Und André ist wohl der einzige Mensch, der sich über die Quallen im Wasser freut: „Die härten mich für die gefährlichen Quallen der Meere ab.“ Und wie geht es weiter? „2017 im Sommer durchschwimme ich den Santa-Catalina-Kanal und die Straße von Gibraltar. 2018 ist die Tsugaru-Straße dran und 2019 die Cookstraße…“
Solltest du beim winterlichen Strand-Picknick mit Tee und Daunenjacke je einen Kerl in Badehose sehen, der sich in die eisigen Fluten stürzt, dann kann das eigentlich nur einer sein: André. Wir wünschen ihm für seine Abenteuer alles Glück der Welt. Und freuen uns, wenn er uns wieder in der Redaktion besucht. Denn dann ist sicher: Er hat gegen die See gewonnen.
Dieser Artikel erschien im Jahr 2017 in der Februar-Ausgabe des Monatsmagazins IbizaHEUTE. Fotos: André Wiersig
Nachtrag: 2019 meisterte André als erster Deutscher die Ocean's Seven. Mittlerweile setzt er sich mit seiner Organisation "Blue Heart" für Meeresschutz ein. "Meer" dazu auf der Webseite von André Wiesirg.